2,3 Bar vorne und 2,1 hinten werden sowohl von Fiat als auch von den Reifenherstellern empfohlen. Dass die Auto- und Reifenhersteller gemeinsam einen Druck ins Handbuch schreiben, hat schon seinen Sinn. Weniger Druck zu fahren, besonders bei Winterreifen, ist – auf gut Deutsch – Schwachsinn.
Winterreifen haben zwar einen höheren Positivanteil als Sommerreifen (also mehr Auflagefläche), doch die Profilblöcke sind dafür zum einen weicher (wegen der Gummimischung) und zum anderen weniger kompakt, also „zerpflückter“, sie bilden kleinere Einheiten, sind daher zusammen instabiler als ein einteiliger Block auf einem Sommerreifen. Heißt: Winterreifen bieten weniger Fahrstabilität als Sommerreifen, vor allem weniger Seitenstabilität – einfach wegen der „wabbeligeren“ Profilblöcke.
Umso wichtiger ist daher die Karkasse, denn mit einer guten und stabilen Karkasse kann man den Effekt der weicheren Profilblöcke teilweise kompensieren – und Pirelli ist das eben gut gelungen, obwohl die Italiener grundsätzlich recht wiche Mischungen verwenden. Wenn ich jetzt noch den Luftdruck unter den Sollwert absenke, und sei es nur ein einziges Bar, dann verstärke ich die Instabilität des Reifens, weil – einfach ausgedrückt – weniger Luft da ist, die dem Reifen beim Abstützen des Fahrzeuggewichtes hilft; er stützt sich also noch mehr auf den Seiten ab statt über die Lauffläche. Ein schlecht konstruierter Reifen ist genau in diesem Bereich (also an den Seiten) am schwächsten (siehe meine Kurven-Erfahrungen mit dem Nexen).
Ich fahre im Pirelli also 2,4 Bar, weil etwas mehr Luft der Stabilität zuträglich ist – eben besonders bei Winterreifen. Darüber hinaus empfehlen TÜV und ADAC zirka 0,3 Bar mehr Druck für Autobahnfahrten, und ich fahre recht viel Autobahn. Die Empfehlung geht auf die Tatsache zurück, dass Reifen bei höherem Tempo stärker walken. Und noch was: Etwas mehr Druck senkt obendrein den Rollwiderstand und damit auch den Spritverbrauch. Wenn man ab und an die Profiltiefe innen und am Rand der Lauffläche vergleicht, weiß man ganz gut, ob man zu viel Luft drin hat oder nicht.
Übrigens, letztes oder schon vorletztes Jahr hat es beim Formel-1-Rennen in Silverstone drei oder sogar vier Reifenplatzer gegeben – und zwar deshalb, weil sich die Teams nicht im von Pirelli vorgegeben Luftdruck-Bereich bewegt haben. Ein Formel-1-Reifen ist zwar weit weg von einem Straßenreifen, aber wenn der Hersteller einen Druck empfiehlt, dann hat das seinen Sinn. Vor allem unterschreiten sollte man den Wert nicht. Es gibt auch einfach keinen guten Grund dafür, es bringt nichts, erhöht nur den Verschleiß, weil sich der Reifen näher an seiner Haftungsgrenze bewegt. Es bringt höchstens dann was, wenn ihr vorhabt, eure Reifen für mehrere Runden auf der Nordschleife heißzukochen, dann steigt der Druck nämlich von selbst. Aber dafür sind Straßenreifen eh nicht gedacht, sondern Sportreifen respektive Semislicks oder Rennreifen.
MartiniRacingAbarth fährt zum Beispiel Sportreifen. Und solche werden tatsächlich mit geringerem Druck gefahren, in der Regel knapp unter zwei Bar. Diese Reifen sind aber auch ganz anders gebaut, beispielsweise ist der Positivanteil riesig. Beim Negativanteil (also die Rillen, durch die Wasser ablaufen kann) rangieren die meisten Sportreifen am unteren Limit, das sind 17 Prozent und die sind gesetzlich vorgeschrieben. Sportreifen haben also viel mehr Auflage (und zwar auch, weil sie breiter sind) und walken viel weniger. Wichtig auch: Das Gummi ist weicher. Alles in allem erhitzt sich so der Reifen stärker, wodurch der Druck wieder in den „Normalbereich“ nach oben geht.
Und vergesst den Gedanken, dass ein Straßenreifen sonderlich viel mehr Haftung erzeugt, wenn er warm wird. Die Gummimischung ist auf Haltbarkeit ausgelegt, sie soll nicht für zehn Kilometer Mega-Bombenhaftung bieten wie in der Quali zum Grand Prix – und anschließend zerfallen. Der Straßenreifen muss sofort nach dem Rausfahren aus der Garage funktionieren, und nicht erst, nachdem ihr bis zum Ortsausgang Zickzack gefahren seid.
PS: Die Herstellerdrücke sind immer auf Komfort ausgelegt, bewegen sich also an der unteren Grenzen, wo der Reifen noch so funktioniert, wie er soll. Etwas weicher gleich etwas komfortabler. Nach oben ist also eher Spielraum als nach unten.
@ 500s: Ich fahre nur vorne 2,4. Hinten sind's etwa anderthalb Bar weniger.